Aktuelle Grösse: 100%

#Orange the World!: Covid-19 & Geschlechterrollen

Elodie Arpa

Gewalt gegen Frauen im Kontext der Pandemie
GESCHLECHTERROLLEN & COVID-19

Die Covid-19 Pandemie hat gravierende Auswirkungen auf die Verteilung von bezahlter Arbeit und (unbezahlter) Care-Arbeit, damit verhärten sich traditionelle Geschlechterrollen. Inwiefern begünstigen stereotype Geschlechterverhältnisse Gewalt? Nachwuchsforscherin Elodie Arpa und Sabine Mandl, Expertin für Frauenrechte am Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte, haben sich damit auseinandergesetzt.

Österreich ist bis heute geprägt von traditionellen Rollenbildern mit einer klaren geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Männer sind nach wie vor tendenziell für das Familieneinkommen und Frauen für die Kinderbetreuung und den Haushalt zuständig. Obwohl es bereits seit 20 Jahren einen Anspruch auf Väterkarenz gibt, bezogen 2018 nur 3,9 % Männer Kinderbetreuungsgeld. Die meisten Väter bleiben auch nur kurz – bis zu zwei Monate – zu Hause. Mit diesen klassischen geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen gehen gesellschaftliche Erwartungen zum Verhalten von Männern und Frauen einher. Sehr problematisch ist die damit verbundene Abwertung von meist weiblich konnotierten Zuschreibungen an Verhaltensweisen, was letztlich Diskriminierung und Gewalt begünstigt. Deshalb ist die Gleichstellung der Geschlechter auf allen Ebenen nicht nur demokratiepolitisch von zentraler Bedeutung, sondern hat eine wichtige gewaltpräventive Wirkung.

Die Pandemie trägt dazu bei, traditionelle, stereotype Rollenbilder zu verhärten und konterkariert zuweilen Bestrebungen hinsichtlich einer partnerschaftlichen familiären Aufteilung. Dabei ist zu beachten, dass Mädchen und Buben von den ihnen vorgelebten familiären Rollenbildern geprägt werden, die in vielen Fällen keine geschlechtergerechte Realität vermitteln.

Den Ergebnissen der Mannheimer Corona Studie zufolge wurde in 52 % der deutschen Haushalte die Kinderbetreuung allein von Frauen übernommen, in 25 % allein von Männern und in 24 % von beiden Elternteilen. Laut der österreichischen SORA-Studie, sehen sich in 42 % der Haushalte Frauen für die Kinderbetreuung hauptverantwortlich. Den Erhebungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge leisten weltweit nach wie vor drei Viertel der Frauen die unbezahlte Pflegearbeit. Diese Mehrfachbelastung für Frauen, bedingt durch Beruf und Betreuungspflichten, verstärkte sich bereits im Frühjahr während der ersten Welle der Pandemie immens: 51 % der Frauen gaben an, durch die Covid-19 Pandemie sehr stark belastet zu sein. Mit dem weiteren Andauern der Pandemie ist davon auszugehen, dass sich die Intensität der Belastung in den kommenden Wintermonaten weiter erhöhen wird. Es ist hingegen nicht davon auszugehen, dass sich die verfestigte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nach Abklingen der Covid-19 Pandemie rasch ändern wird.

Die pandemiebedingte Schließung von Schulen trifft nicht nur Mütter und Väter, sondern hat auch große Auswirkungen auf den Bildungserfolg von Kindern, vor allem aus sozial schwächeren Familien. Global gesehen haben insbesondere Mädchen mit den Folgen von „Home-Schooling“ zu kämpfen. So werden Mädchen häufig dazu aufgefordert, im Haushalt mitzuhelfen, auf Geschwister aufzupassen oder zum Einkommen beizutragen. Das führt dazu, dass Mädchen oft wenig Zeit bleibt, ihre Schulaufgaben zu machen und birgt zudem die Gefahr, dass Mädchen in Folge vermehrt weiterführende Schulausbildung verwehrt wird.

Problematisch sind die genannten Entwicklungen deshalb, weil Frauen derzeit wenig Möglichkeiten haben, gegen den Rückfall in alte Rollenbilder anzukämpfen. Durch die pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen ist politische Teilhabe – sei es der Austausch mit Gleichgesinnten, das Stellen von politischen Forderungen oder die Veranstaltung von Kundgebungen und Demonstrationen – nur sehr eingeschränkt möglich. Durch Doppel- und Mehrfachbelastung haben viele Frauen auch kaum Kapazitäten, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Wie dramatisch die Konsequenzen dieser beschränkten politischen Partizipation für Geschlechtergleichstellung und Frauenrechte sein können, zeigt die drohende Gesetzesänderung zum (bereits derzeit äußerst restriktiven) Abtreibungsgesetz in Polen. Zwar gehen viele Frauen trotz Pandemie auf die Straße, dennoch ist eine umfassende Mobilisierung derzeit nicht möglich.

 

Zum Weiterlesen: