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Typisch weiblich, typisch männlich – was haben Rollenbilder mit Gewalt zu tun?

Typisch weiblich, typisch männlich – was haben Rollenbilder mit Gewalt zu tun?

Sabine Mandl, Senior Researcher am Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte, hat sich mit Journalistin Miriam Hoffelner zum Thema Rollenbilder und Gewalt unterhalten. Anlässlich der Aktion 16 Tage gegen Gewalt gibt es das spannende Interview nachzulesen. Auszüge wurden in der Sendung SCHULE BEWEGT, am 8. November 2019, 22.15 ORF Sport+ im Beitrag "Kann Selbstbewusstsein durch Selbstverteidigung gestärkt werden?" gezeigt.

Hoffelner: Frauen sind meist kleiner, schwächer und zierlicher als Männer – wird ihnen die Rolle des Opfers zurecht zugeschrieben?
Mandl: Natürlich nicht! Zuerst bedarf es aber einer Klärung, was unter Opfer zu verstehen ist. Da gibt es unterschiedliche Zuschreibungen, je nachdem von welcher Perspektive man sich dem Begriff nähert. In der Kriminologie spricht man von Viktimisierung, d. h., wenn jemand zum Opfer gemacht wird. Beispielsweise durch eine Straftat in Form eines körperlichen oder sexuellen Übergriffs. Im Zusammenhang mit Opferschutz und Opferrechten kann die von Gewalt betroffene Person Ansprüche geltend machen. Das bedeutet, dass die Person z. B. Unterstützung (psychosoziale und/oder rechtliche) und ggf. Entschädigung erhält. Dem Opfer wurde Unrecht getan und die die damit einhergehenden gesellschaftlichen Zuschreibungen sind zumeist positiv konnotiert, d. h., das Opfer bekommt Aufmerksamkeit und Hilfestellungen. Gänzlich anders wird der Täter oder die Täterin gesehen. Die gewaltausübende Person erfährt gesellschaftliche Abwertung und wird für die Tat sanktioniert bzw. bestraft.

Alltagsprachlich wird Opfer aber meist negativ assoziiert mit Schwäche, Passivität und Hilflosigkeit. Jugendliche verwenden den Begriff auch als Schimpfwort: „Du Opfer“. Damit werden Kinder und Jugendliche beleidigt, ausgegrenzt und verletzt, z. B. wegen ihres Aussehens oder weil sie eine andere sexuelle Orientierung haben. Da gibt es viele Gründe. Wichtig dabei ist, nicht nur das Geschlecht im Blickfeld zu haben, sondern auch andere Ungleichheitskategorien, z. B. Behinderung, Herkunft, Alter, etc. mitzudenken. Bei Stigmatisierung und Ausgrenzung geht es meist auch um Machtungleichheit und um Abhängigkeitsverhältnisse, die das Risiko erhöhen, von Gewalt – sei es körperliche, seelische oder sexuelle – betroffen zu werden. In meinem Forschungsbereich vermeide ich den Begriff Opfer und spreche lieber von „Personen, die Gewalt erfahren haben" oder von „von Gewalt Betroffenen".

Hoffelner: Inwiefern kann Gewalt „geschlechterspezifisch“ sein?
Mandl: Gewalt hat fast immer einen geschlechtsspezifischen Aspekt. Das heißt, Mädchen und Frauen erleben Gewalt häufig nicht in den gleichen Dimensionen und in gleichem Ausmaß wie Burschen und Männer. Hier gibt es zahlreiche Studien, die das belegen. Laut einer 2014 europaweit durchgeführten Studie von der EU Grundrechteagentur, in der 42.000 Frauen innerhalb der EU befragt wurden, gab jede dritte Frau an, seit ihrem 15 Lebensjahr von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen worden zu sein. In Österreich berichtete jede Fünfte davon. [1] 2011 wurde eine große Studie zu Gewalt gegen Frauen und Männer vom Österreichischen Institut für Familienforschung durchgeführt, die auch ganz klar von geschlechtsspezifischen Unterschieden spricht. So berichtet jede vierte Frau von Gewalterfahrungen bei allen Gewaltformen (körperliche, psychische, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt) im Erwachsenenalter im Vergleich zu jedem zwanzigsten Mann. Nur bei der körperlichen Gewalt gab es einen Unterschied, da waren Männer etwas häufiger betroffen. Auch bei der Frage, wo Gewalt passiert, gab es Unterschiede: Männer erfahren z. B. körperliche Gewalt primär an öffentlichen Orten, Frauen dagegen in der eigenen Wohnung oder in der Wohnung anderer, also im häuslichen Kontext.[2]

Unterschiedlichste Formen von Gewalt sind auch noch immer im Erziehungsalltag gegenwärtig. In Bezug auf Einstellungen von Eltern zu Gewalt als Erziehungsmittel wurde erst kürzlich (November 2019) eine, vom Bundeskanzleramt Abt. für Familien und Jugend in Auftrag gegebene Studie, veröffentlicht. Demnach stimmen noch immer 42 % der Befragten (11 % voll und 31 % teilweise) zu, wenn es heißt, dass ein kleiner Klaps ab und zu keinem Kind schadet, obwohl es in Österreich seit 1989, also 30 Jahre, das Gewaltverbot in der Erziehung gibt.[3] Auch zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede bei Gewalt unter Kindern und Jugendlichen. Mädchen setzen häufiger auf psychische Gewalt, wie soziale Ausgrenzung und Gerüchte verbreiten, wohingegen Burschen eher körperliche Gewalt anwenden.[4]

Hoffelner: Woher kommt diese Opferrolle und wie bricht man aus ihr aus?
Mandl:
Woher die Opferrolle kommt bzw. warum Frauen und Mädchen häufiger Gewalt oder andere Form von Gewalt erleben, hat mehrere Gründe. Da möchte ich wieder zu den vorhin erwähnten geschlechtsspezifischen Zuschreibungen und Rollenbildern zurückkommen. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, d. h. viele gesellschaftliche Bereiche sind von Männern dominiert, z. B. die Politik, die Wirtschaft und auch der Sport. Obwohl Frauen beispielsweise in der Bildung die Männer überholt haben – ca. 55,8 % Uni-Absolvent*innen (2016/2017) sind Frauen[5] – können sie ihren Vorteil dann im Job nicht nutzen. Männern wird tendenziell eher zugeschrieben, dass sie stark, ehrgeizig, durchsetzungsfähig und kämpferisch sind. Frauen hingegen gelten häufig noch als das schwache Geschlecht, als gefühlsbetont, fürsorgliche, beschützend und passiv, also alles Attribute, die in unserer konkurrenzbetonten, leistungsorientierten und neoliberalen Gesellschaft keinen großen Wert haben. Dadurch entstehen Machtungleichheiten zwischen Männern und Frauen, die dazu führen, dass Frauen diskriminiert und auch häufiger von Gewalt betroffen werden. Wichtig ist mir dabei zu betonen, dass sehr viele Frauen längst nicht mehr diesen Genderstereotypen entsprechen, aber diese Vorstellungen, wie Männer und Frauen sind bzw. sein sollen, halten sich hartnäckig und sind leider noch weit verbreitet. Hier orte ich auch tendenziell ein Stadt-Land-Gefälle, d. h., in ländlich strukturierten Teilen Österreichs ist häufig noch ein konservativeres Rollenverständnis vorzufinden als beispielsweisen in Städten.

Hoffelner: Ist das Erlernen von Selbstverteidigung von Mädchen und jungen Frauen Ihrer Meinung nach eine gewinnbringende Methode?
Mandl:
Ich glaube Selbstverteidigung als eine von mehreren Präventionsmaßnahmen kann durchaus gewinnbringend sein, wenn bei den Stärken der Mädchen angeknüpft wird und sie lernen Grenzen zu setzen. Das stärkt auch ihr Selbstbewusstsein und sie können sich nicht nur gegen körperliche, sondern auch gegen psychische Angriffe besser zur Wehr setzen. Es braucht nicht unbedingt viel an Kraft oder sportlichen Fertigkeiten, sondern eher Geschicklichkeit, Technik und Körperanspannung. Viel mehr zählt meiner Meinung nach, dass selbstbewusstes Auftreten gestärkt wird und somit auch das Risiko sinkt, Gewalt ausgesetzt zu werden. Das gilt nicht nur für Mädchen, sondern auch für Burschen.

Hoffelner: Welche Präventionsmaßnahmen wären noch wichtig?
Mandl: In dem Zusammenhang finde ich es wichtig, dass Mädchen und Buben bereits in einem frühen Alter die Möglichkeit haben, „rollenuntypische" Verhaltensweisen ausprobieren zu können. Im Kindergarten und in der Schule. Jedes Kind sollte Rahmenbedingungen vorfinden, wo es so sein darf, wie es ist, abseits von einengenden Rollenbildern. Da bräuchte es vor allem Vorbilder, die ihnen zeigen, wie das geht. Hier wären Männer gefragt, die Buben auch andere Seiten von Männlichkeit zeigen, wo z. B. Mitgefühl und Empathie ausgedrückt werden, wo gelernt wird, wie man Bedürfnisse formuliert und eine auf Gleichwertigkeit ausgerichtete Partnerschaft auch lebt. In diesem Zusammenhang ist eine gewaltfreie Kommunikation wichtig, wo ein wertschätzender und auf Respekt beruhender Austausch stattfinden kann. Bei den Mädchen geht es auch darum, traditionelle Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen. Da bräuchte es aus meiner Sicht mehr Anstrengungen, dass Mädchen z.B. auch unkonventionelle Berufe lernen, wenn man bedenkt, dass die drei beliebtesten Lehrberufe für Mädchen – und das bereits seit vielen Jahren – Frisörin, Verkäuferin und Bürokauffrau sind.[6]

Es müsste eine Gesellschaft sein, in der Frauen und Männer eine echte Wahl haben, so zu leben, wie sie möchten. Wo sie die gleichen Lebenschancen und Teilhabemöglichkeiten vorfinden. Wo Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen gleichermaßen von Männern und Frauen übernommen werden. Und wo Kinder liebevoll und gut begleitet aufwachsen dürfen. Ich glaube, das wären Ansätze einer guten und effektiven und vor allem nachhaltigen Gewaltprävention.

Mag.a Sabine Mandl
Senior Researcher Frauenrechte, Kinderrechte, Rechte von Menschen mit Behinderungen
Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte

 


[1] EU-Grundrechteagentur (FRA): Gewalt gegen Frauen: Eine EU-weite Erhebung. 2014, S. 25. https://fra.europa.eu/sites/default/files/fra-2014-vaw-survey-at-a-glance-oct14_de.pdf

[2] Kapella, Baierl: Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männer. Österreichisches Institut für Familienforschung, 2011.

[3] Das Recht auf eine gewaltfreie Kindheit. 1977-2014-2019. Ergebnisse der Nachfolgeuntersuchung. In Auftrag gegeben von Bundeskanzleramt, durchgeführt von IPSOS, Wien, 2019.

[6] Wirtschaftskammer, 10 häufigsten Lehrberufe, Mädchen, 2018. http://wko.at/statistik/wgraf/2019_04_Lehrlinge_M%C3%A4dchen_2018.pdf (4.12.2019)