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#Orange the World!: Ökonomische Gewalt & Covid-19

Magdalena Steringer

Gewalt gegen Frauen im Kontext der Pandemie
ÖKONOMISCHE GEWALT & COVID-19

Wenn man von Gewalt gegen Frauen spricht, so geht es zumeist um physische und sexuelle Gewalt. Doch in Zeiten von Covid-19 erhöht sich häufig die ökonomische Abhängigkeit von Frauen von deren Partner*innen durch Kurzarbeit oder Verlust des Arbeitsplatzes. Inwiefern hat das aber mit Gewalt zu tun? Sabine Mandl, Expertin für Frauenrechte am Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte, und Nachwuchsforscherin Magdalena Steringer haben sich damit auseinandergesetzt.

Wirtschaftliche Abhängigkeit kann zu „wirtschaftlicher Gewalt“ führen, wenn Kontrolle über das familiäre Einkommen ausgeübt und Geld als Mittel zur Unterdrückung eingesetzt wird. Dies verhindert die finanzielle Unabhängigkeit und erschwert es vor allem Frauen aus Angst vor Verarmung und sozialem Abstieg die gewalttätige Beziehung zu verlassen. Wirtschaftliche Gewalt wird erstmals in der Istanbul-Konvention, dem wichtigsten Rechtsinstrument gegen Gewalt an Frauen in Europa, als Gewalt definiert. Wirtschaftliche Gewalt kann allerdings nie losgelöst betrachtet werden, sondern hat immer eine psychische Komponente bzw. kann zu körperlicher und sexueller Gewalt führen.

So wie auch körperliche und sexuelle Gewalt vielfach nicht sichtbar ist, bleibt auch ökonomische Gewalt oft verborgen und deren Auswirkung von der Öffentlichkeit unbeachtet. Die aktuelle Corona-Krise birgt das Risiko, dass insbesondere Frauen Einkommensverluste hinnehmen müssen und mit zusätzlichen Herausforderungen bzw. Belastungen zu kämpfen haben. 

Auch wenn während des ersten „Lockdown“ im Frühjahr den vor allem weiblichen Mitarbeiter*innen in Supermärkten, der Pflege und anderen mit Beifall und lobenden Worten seitens der Politik und Gesellschaft gedankt wurde, ist es in letzter Zeit wieder sehr ruhig um sie geworden. Dennoch hat die Pandemie sichtbar gemacht, dass Frauen einen Großteil der in den systemrelevanten Jobs Beschäftigten ausmachen. Dies zeigt eine von SORA im April 2020 durchgeführte Studie, die einen erheblich höheren Frauenanteil in acht von elf identifizierten „systemrelevanten“ Bereichen feststellte. Beachtlich ist, dass der Lohn in jenen Gruppen, in denen der Frauenanteil am Höchsten ist (88 % in der Kinderbildung, 86 % an der Kasse bzw. Regalbetreuung, 83 % der Reinigungskräfte, 82 % im Bereich Pflege und medizinische Betreuung, 80 % in der medizinischen Assistenz und 78 % in der Alten-/Behindertenbetreuung), deutlich unter dem österreichischen Durchschnittslohn liegt: Beschäftigte in diesen Gruppen verdienen oft weniger als 1.300 Euro netto pro Monat. Gleichzeitig gehen mit dem niedrigen Lohn eine hohe Arbeitszeitbelastung durch Überstunden (etwa 7 von 10 Beschäftigten in Gesundheit und Pflege) sowie unsichere Arbeitsverträge (geringfügige oder befristete Beschäftigung bzw. Leihverträge) einher. Dies sind freilich Verhältnisse, die bereits vor Beginn der Pandemie bestanden haben, die aktuelle Corona-Krise hat diese Situation jedoch verstärkt und bietet Anlass, auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen.

Zusätzlich verschlechtern sich die ohnehin prekären Arbeitsbedingungen in den systemrelevanten Bereichen durch die Covid-19 Pandemie insofern, als dass Menschen, die in diesen Bereichen tätig sind, mangels der Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten, einem erhöhten Infektionsrisiko, weiteren Überstunden und einer eventuellen zusätzlichen Belastung durch die Betreuung von Kindern und Angehörigen ausgesetzt sind. Die Schließung von Schulen und Betreuungseinrichtungen sowie die Umstellung auf Distance-Learning hat viele Frauen dazu gezwungen, Arbeitsstunden zu kürzen, Arbeitszeiten auf die frühen Morgen- bzw. späten Abendstunden zu verlegen oder Urlaub zu nehmen, um die Kinder- oder Angehörigenbetreuung sowie den Lernfortschritt in der Schule gewährleisten zu können. Einer zu der Situation von Eltern in der Pandemie durchgeführten Studie des SORA-Instituts (Mai 2020) zufolge, mussten 55 % der Eltern ihre Arbeitszeit im Frühjahr um durchschnittlich 10 Stunden von durchschnittlich 35 auf 26 Stunden pro Woche reduzieren. Frauen senkten ihre Erwerbarbeit um rund ein Drittel auf 19 Stunden pro Woche, Männer um rund ein Viertel auf 31 Stunden pro Woche. Diese Entwicklung verschlechtert vor allem die ökonomische Situation von Frauen, weil die Entlohnung dementsprechend noch geringer ausfällt.

Während am Anfang der Krise Männer stärker als Frauen von Arbeitslosigkeit betroffen waren, hat sich dieser Trend mittlerweile geändert: Rund 85 % der „Corona-Arbeitslosen“ sind Frauen. Diese Trendumkehr ist laut einer Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Stand: Juli 2020) insbesondere durch einen hohen Beschäftigungsrückgang im von Frauen dominierten Handel zu erklären. In anderen Wirtschaftsbereichen, wie z. B. im Bereich der Beherbergung und Gastronomie, fiel jedoch der Beschäftigungsrückgang bei Männern höher aus. Interessant ist auch, dass Männer im Gesundheitsbereich einen leichten Beschäftigungszuwachs verbuchen können, während der Beschäftigungsanteil bei Frauen in diesem Bereich weiter stagniert. Auch beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt gibt es genderspezifische Unterschiede: Frauen sind aufgrund der bereits erwähnten zusätzlichen Belastungen im familiären Bereich – Pflege und/-oder Kinderbetreuung – häufig weniger flexibel, können daher schwerer Vollzeitstellen annehmen oder im Schichtbetrieb arbeiten. Das hat nicht nur kurzfristige Konsequenzen, sondern wirkt sich auch langfristig auf das Einkommen und spätere Pensionsansprüche aus.

Es ist wichtig, die Entwicklungen am Arbeitsmarkt besonders gut zu überwachen und sicherzustellen, dass Frauen nicht weiter vom Arbeitsmarkt verdrängt werden. Dazu müssen Strategien erarbeitet werden, die eine Betreuung von Kindern und Angehörigen in Zeiten von „Home-Schooling“ und Home-Office ermöglichen.

 

Zum Weiterlesen:

SORA Studie: Systemrelevante Jobs meist weiblich (April 2020)

SORA Studie: Zur Situation von Eltern während der Coronapandemie (Mai 2020)

WIFO Studie: COVID-19: Ökonomische Effekte auf Frauen (April 2020)

WIFO Studie: COVID-19-Pandemie: Beschäftigungssituation für Frauen schwieriger (Juli 2020)

WIFO: Frauen unter Druck (Oktober 2020)