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11. Oktober 2020: Internationaler Welt- Mädchentag – Interview mit Magdalena Steringer und Sabine Mandl

11. Oktober: Welt-Mädchentag

Genau vor 25 Jahren wurde bei der vierten Weltfrauenkonferenz in Beijing (1995) der Aktionsplan zur Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen verabschiedet, mit dem erstmals die Rechte von Mädchen internationale Anerkennung gefunden haben. 2011 erklärte die UN-Generalversammlung den 11. Oktober als „Internationalen Welt-Mädchentag“. Weltweit sehen sich Mädchen mit geschlechtsspezifischen Rollenbildern und damit einhergehenden Benachteiligungen konfrontiert. Nachwuchsforscherin Magdalena Steringer und Menschenrechtsexpertin Sabine Mandl haben vier Fragen zum Thema beantwortet.

Hier gibt es das Interview als PDF zum Download.

Es gibt einen Weltkindertag und es gibt einen Weltfrauentag. Warum braucht es einen eigenen Weltmädchentag?

Steringer/Mandl: Auch wenn Menschenrechte per Definition allen Menschen kraft ihres Menschseins zustehen, können nach wie vor viele Teile der Bevölkerung ihre Rechte nicht ausüben bzw. werden gesellschaftlich diskriminiert und marginalisiert. Daher ist der Welt-Mädchentag wichtig, um auf die Formen von Diskriminierung und Gewalt aufmerksam zu machen, denen Mädchen weltweit ausgesetzt sind. Diese sind mannigfaltig und reichen von Beschränkungen beim Zugang zu Bildung über Kinderarbeit bis zu schädlichen Praktiken wie Genitalverstümmelung (FGM) oder Kinderehen.

Auch die nachhaltigen UN-Entwicklungsziele, die die Agenda der Vereinten Nationen und somit die internationale und multilaterale Zusammenarbeit bestimmen, heben mit dem Ziel Nr. 5 zu Geschlechtergerechtigkeit hervor, dass nur durch eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Frauen, Mädchen, Männern und Burschen nachhaltiger Frieden und soziale Gerechtigkeit weltweit erreicht werden kann. Dabei ist die Berücksichtigung der spezifischen Lebensrealitäten von Mädchen von zentraler Bedeutung.

2020 steht der Welt-Mädchentag unter dem Motto: „My Voice, Our Equal Future“ und stellt Ideen, Vorschläge und Forderungen von Mädchen in den Mittelpunkt. Die Botschaft lautet: Mädchen sind aktive und wichtige Akteurinnen, welche die Gesellschaft mitgestalten – und nicht nur von Diskriminierung und Gewalt betroffen.

Wenn man an Mädchenrechte denkt, kommt einem Malala Yousafzai in den Sinn, die für ihren Aktivismus mit nur 17 Jahren den Friedensnobelpreis überreicht bekam. Weltweit wird vielen Millionen Mädchen ihre Schulbildung verwehrt. Welche Folgen hat das?

Steringer/Mandl: Die Diskriminierung von Mädchen betrifft jede einzelne Lebensphase und beginnt in manchen Fällen schon vor der Geburt, wenn aufgrund des Geschlechts des ungeborenen Kindes Abtreibungen durchgeführt werden. Vielerorts sind Mädchen „weniger wert“ und erhalten daher oft nicht die notwendige Betreuung, Unterstützung und Förderung. In einigen Ländern ist der Zugang zur Schule für Mädchen noch immer nicht selbstverständlich. Laut UNICEF können 34 Millionen Mädchen (gegenüber 29 Millionen Jungen) im Grundschulalter nicht zur Schule gehen. Diese Zahlen können mitunter die große geschlechtsspezifische Differenz in der Alphabetisierungsrate erklären: Rund 58 Millionen Mädchen können im Gegensatz zu „nur“ 44 Millionen Jungen nicht lesen und schreiben. Dazu kommt, dass Mädchen durch die geringe oder fehlende Schulbildung der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert wird, was oft eine ökonomische Abhängigkeit zur Folge hat. Dies wiederum erhöht das Risiko der Armutsgefährdung bzw. begünstigt auch unterschiedlichen Formen von Gewalt und Diskriminierung.

Hat die Covid-19-Pandemie eine Auswirkung auf Mädchen und deren Rechte?

Steringer/Mandl: Wie sich in den letzten Monaten gezeigt hat, werden durch die Pandemie die Rechte von Mädchen besonders eingeschränkt. Die Schließung von Schulen hat gezeigt, dass vor allem Kinder, die keinen (ausreichenden) Zugang zu digitalen Medien haben bzw. die nicht angemessen von ihren Eltern unterstützt werden konnten, stärker benachteiligt wurden. Dies führte insbesondere zu einer Vergrößerung der Bildungslücke bei Kindern aus vor allem sozial benachteiligten Familien. In vielen Ländern ist aber Schule auch der Ort, wo es die einzige warme Mahlzeit gibt, die dann für lange Zeit ausgefallen ist.

Mädchen werden zusätzlich vor weitere Herausforderungen gestellt. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen nach Krisensituationen nicht mehr in die Schule zurückkehren doppelt so hoch wie bei Jungen. Zusätzlich ist während der Pandemie die Anzahl der dokumentierten Fälle häuslicher Gewalt deutlich gestiegen, auch hier sind insbesondere Frauen und Mädchen betroffen. Durch das Fernbleiben vom Unterricht werden Mädchen dem möglichen Schutz des Lehrpersonals entzogen und sie können leichter unbemerkt schädlichen Praktiken unterzogen werden. Zusätzlich verstärkt die Pandemie auch aufgrund der massiven negativen ökonomischen Auswirkungen, die die existentiellen Lebensgrundlagen von vielen Familien gefährden, das Risiko, dass Mädchen früh verheiratet werden. Der United Nations Population Fund (UNFPA) schätzt, dass zwischen 2020 und 2030 13 Millionen Kinderehen geschlossen werden, zu denen es ohne die Pandemie nicht gekommen wäre. Kinderehen sind auch in Österreich und in ganz Europa ein Thema, weshalb verstärkt Aufklärungsarbeit und Unterstützung notwendig ist, um Mädchen davor zu schützen.

Wie sieht die Situation in Österreich aus?

In Österreich schreibt Art. 7 B-VG die Gleichbehandlung von Männern und Frauen verfassungsrechtlich vor. Dass allerdings noch viel getan werden muss, um tatsächliche Gleichstellung zu erreichen, zeigt der Gleichstellungsindex 2019 des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE). Demnach liegt Österreich unter dem europäischen Durchschnitt, insbesondere bei den Themenfeldern „geringer Anteil an Führungspositionen in der Wirtschaft“ und „hohe Zeitressourcen für Kinderbetreuung und Pflegearbeit“. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Kinderbetreuung bzw. die öffentliche Bereitstellung von ganztägigen Kinderbetreuungseinrichtungen in ganz Österreich. Es muss Frauen mit Kindern möglich sein, sich einer Vollzeitbeschäftigung zu widmen. Momentan arbeiten bei Paaren mit Kindern 35 % der Frauen, aber nur 6 % der Männer in Teilzeit. Dies ist u. a. auch dafür mitverantwortlich, dass das Armutsrisiko bei Alleinerziehenden – überwiegend Frauen – mit 30 % besonders hoch ist, oder dass Frauen im Vergleich zu Männern in der Pension um 40 % weniger Einkommen zur Verfügung haben.

In Österreich dominiert ein immer noch sehr traditionelles Rollenbild, das häufig sehr früh durch Eltern, Erziehungspersonen und Gleichaltrige sowie durch stereotype Geschlechtsdarstellungen in den Medien und in Form von geschlechtsspezifischen Zuschreibungen bei Spielwaren (Puppe, Auto) und Kleidung (rosa, blau) etc. transportiert werden. Diese klaren Bilder mit heteronormativen Inhalten prägen die Denk- und Verhaltensweisen von Mädchen und Burschen während ihrer gesamten Sozialisation. Deshalb ist es wichtig, diese dualen Geschlechterkonzepte über „Was darf/macht eine Frau?“ und „Was darf/macht ein Mann?“ so früh wie möglich zu durchbrechen. Frauen und Männer – z. B. in untypischen Berufen und in der Verwirklichung von unkonventionellen Lebenskonzepten – können Vorbildwirkung haben und Mädchen und Burschen ermutigen, sich auszuprobieren. Es sollte normal sein, dass ein Vater Pfleger und eine Mutter im Vorstand eines technischen Unternehmens ist. Dennoch ist Geschlechtergerechtigkeit noch (lange) nicht erreicht. Es müssen noch viele Anstrengungen unternommen werden, damit Frauen und Mädchen tatsächlich in allen Bereichen und auch auf allen Ebenen gleichermaßen vertreten sind, sei es in Wissenschaft, Forschung, Politik, Kunst, Sport oder Wirtschaft.

Es gibt aber positive Entwicklungen, wie z. B. im Gesundheitsbereich, wo sich das Thema Gender-Medizin etabliert hat. Mittlerweile ist es unumstritten, dass die Symptome und Ausprägungen von Krankheiten bei Frauen und Männern aufgrund von unterschiedlichen genetischen und biologischen Voraussetzungen verschieden sind. Diese Kenntnisse können bei der ärztlichen Behandlung und der Diagnose lebensrettend sein.

Wie wird das Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte in Bezug auf die Rechte von Mädchen und Frauen aktiv?

Steringer/Mandl: Das Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte widmet sich dem Thema neben einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung auch in verschiedenen Projekten und Kampagnen und fokussiert dabei insbesondere auf Gewaltschutz.

Sabine Mandl beforscht seit vielen Jahren geschlechtsspezifische Gewalt bei Frauen, Kindern und bei Menschen mit Behinderungen. Im Zuge dessen führte sie zahlreiche EU-Projekte gemeinsam mit anderen europäischen Ländern aber auch in Österreich durch. Erst 2019 wurde die erste österreichweite repräsentative Studie zu Gewalt an Menschen mit Behinderungen unter der Leitung des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie und mit dem Verein queraum sowie Hazissa abgeschlossen. Die Studie zeigte, dass Menschen mit Behinderungen im Vergleich zu nichtbehinderten Personen viel häufiger (zwei- bis dreimal so oft) physische, psychische und sexuelle Gewalt erfahren. Vor allem bei sexueller Gewalt sind Frauen mit Behinderungen überproportional betroffen. Gründe dafür sind mannigfaltig, hervorzuheben sind Abhängigkeitsverhältnisse und Machtungleichheit sowie Strukturen, die Selbstbestimmung und Autonomie verunmöglichen.

Wie wichtig forensische Untersuchungen nach Gewalterfahrungen sind, darauf verweist ein derzeit laufendes EU-Projekt (Projekt RiVi). Mithilfe der Dokumentation von Verletzungen können die Rechte von Personen, die von Gewalt betroffen sind, in gerichtlichen Verfahren gestärkt und Täter*innen verurteilt bzw. zur Rechenschaft gezogen werden. Im Rahmen dieses Projekts fanden im September Fortbildungsveranstaltungen in zwei Wiener Krankenhäusern statt, um das Bewusstsein für die Bedeutung dieser klinisch-forensischen Untersuchungen zur Stärkung der Opferrechte auch bei Pfleger*innen und Ärzt*innen zu schärfen.

Darüber hinaus fand von 2017 bis 2019 ein EU-Projekt zu Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Kontext Gewaltschutz statt, wo auf der Basis von zahlreichen Befragungen und Workshops gemeinsam gendersensible Online-Fortbildungsmaterialien für Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Polizist*innen etc. entwickelt wurden.

Die genannten Projekte sind nur einige Beispiele, wie das Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte auf vielen Ebenen zur Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen beiträgt und evidenzbasierte Entscheidungsgrundlagen für politische Entscheidungsträger*innen mit dem Ziel erarbeitet, die Lebensbedingungen von uns allen zu verbessern.